Wenn das Gehirn sich selbst angreift, um sich zu verteidigen: die verborgene Bedeutung der Selbstsabotage

Fingernägelkauen, Aufschieben oder sich selbst mental bestrafen sind nicht immer Charakterfehler. Die Neurowissenschaft legt nahe, dass diese Verhaltensweisen Warnsignale des Gehirns sein können, primitive Strategien, um mit Angst umzugehen, Unsicherheit zu reduzieren und vermeintlich größere Schäden zu vermeiden. Unser Gehirn ist eine Vorhersagemaschine. Es bewertet Risiken, stellt sich zukünftige Szenarien vor und trifft Entscheidungen, noch bevor wir uns dessen bewusst werden. Diese für das Überleben grundlegende Fähigkeit hat auch eine unangenehme Seite: Manchmal führt sie zu Verhaltensweisen, die irrational oder selbstzerstörerisch erscheinen. Selbstsabotage ist keineswegs eine einfache Schwäche, sondern kann eine primitive Form des Schutzes sein.

Selbstsabotage als Warnsignal

Wenn wir unter Druck stehen, reagiert der Körper oft schneller als der Verstand. Nägelkauen, zwanghaftes Kratzen, Schlagen auf Gegenstände oder das Aufschieben wichtiger Aufgaben sind häufige Reaktionen auf Stress. Laut dem klinischen Psychologen Charlie Heriot-Maitland fungieren diese Verhaltensweisen als „kontrollierter Schaden”: Das Gehirn zieht eine kleine, bekannte Bedrohung einer ungewissen und potenziell größeren Gefahr vor.

Aufschieben, perfektionieren, sich selbst bestrafen

Aufschieben kann als Abwehrmechanismus gegen die Angst vor Versagen oder Ablehnung verstanden werden. Das Aufschieben einer Aufgabe verringert vorübergehend die Angst, verschlimmert jedoch langfristig das Problem. Perfektionismus wirkt umgekehrt: Hyperkontrolle, extreme Detailgenauigkeit und ständige Selbstdisziplin, um Fehler zu vermeiden. Beide Mechanismen streben dasselbe an: Sicherheit. Übermäßige Selbstkritik gehört ebenfalls zu dieser Gruppe. Sich selbst mental zu bestrafen, erzeugt ein falsches Gefühl von Kontrolle und Autonomie, obwohl es in Wirklichkeit das Unwohlsein verstärkt.

Ein Warnsystem mit evolutionären Wurzeln

„Nichts in der Biologie macht Sinn, wenn man es nicht im Lichte der Evolution betrachtet“, sagte Theodosius Dobzhansky. Unser Gehirn hat sich entwickelt, um Gefahren in feindlichen Umgebungen zu erkennen, in denen ein Fehler tödlich sein konnte. Heute haben sich die Risiken zwar verändert, aber das System funktioniert weiterhin. Neurotransmitter wie Noradrenalin, Dopamin und Glutamat aktivieren neuronale Netzwerke, die Wachsamkeit, Vorausschau und schnelle Reaktionen priorisieren. Das Problem entsteht, wenn dieses System in Kontexten ohne reale Gefahr überaktiviert wird.

Wenn sich die Abwehr gegen uns wendet

Selbstsabotage kann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Übermäßiges Selbstvertrauen führt zu Nachlässigkeit, Angst lähmt Chancen. In beiden Fällen führt das Warnsystem letztendlich genau zu dem, was es zu vermeiden versuchte. Bei Jugendlichen kann dieser Mechanismus schwerwiegendere Formen annehmen, wie beispielsweise nicht-suizidale Selbstverletzung. Schnitte oder andere körperliche Verletzungen setzen Endorphine frei, die vorübergehend Angstzustände oder Depressionen lindern und als schneller, aber gefährlicher Weg zur emotionalen Regulierung dienen.

Selbstverletzung und Neurodiversität

Bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) können selbstverletzende Verhaltensweisen eine Reaktion auf sensorische Überlastung oder unverständliche und stressige Situationen sein. Schläge, Bisse oder Haareziehen dienen als Selbstregulierungsmechanismen in einer als chaotisch empfundenen Umgebung. Das Verständnis dieser Verhaltensweisen als biologische Reaktionen – und nicht als einfache freiwillige Handlungen – ist für ihre therapeutische Behandlung von entscheidender Bedeutung.

Verstehen, um eingreifen zu können

Heriot-Maitland schlägt Therapien vor, die darauf abzielen, das Bedürfnis nach solchen „kleinen Schäden” zu reduzieren und gesündere Bewältigungsstrategien zu stärken. Der erste Schritt besteht darin, zu verstehen, dass Selbstsabotage nicht aus einer Laune heraus entsteht, sondern aus einem Gehirn, das versucht, uns zu schützen… auch wenn es sich dabei irrt.

Magneto Psy